Der Kapitalismus und sein primäres Medium – das Geld – haben dann ihre maximale Wirksamkeit entfaltet, wenn der monetäre Wert zum moralischen Wert wird und beide ineinander verschmelzen.

Wie schön sich das in der Kunst zeigen lässt! Die Beispiele in der bildenden Kunst liegen auf der Hand und müssen nicht nochmals erwähnt werden, doch auch die Neue Musik zehrt ihre qualitativen Urteile aus Quantitäten. Wie?

Exemplarisch ist Googles Suchalgorithmus. Er präferiert Quantitäten: eine Webseite erscheint dann weit vorne im Suchresultat, wenn sie mit anderen Webseiten verlinkt ist, die ihrerseits gut verlinkt sind. Was also zählt ist die Verlinkung, aber nicht der Inhalt einer Verlinkung. Wikipedia klärt uns auf:

Die Linkpopularität ist ein Maßstab für die Anzahl und Qualität von Hyperlinks, die auf eine Webseite weisen. Je häufiger eine Seite verlinkt wird, desto höher ist die Linkpopularität dieser Seite.

Ganz unverfroren wird hier Quantität mit Qualität gleich gesetzt: die Rede ist von der Qualität von (Hyper)links, die aus der Häufigkeit ihrer Verlinkung gemessen wird.

Das Resultat dieser Logik führt dann dazu, dass immer mehr kommuniziert wird, dass nichts kommuniziert wird (Georg Seeslen in Blödmaschinen.) Oder, wie es Jean Baudrillard bereits in den 80ern treffend auf den Punkt bringt: Immer dort, wo nichts mehr ist, entsteht eine Art Überfülle (Die fatalen Strategien).

Natürlich stehen auch die Akteure der Neuen Musik und ihre Werke im Einflussbereich dieser Logik. Ich zitiere nochmals Wikipedias Beschreibung von Googles Linkpopularität und ersetze die Begriffe:

Die Relevanz zeitgenössischer Komponisten (und ihrer Werke) ist ein Maßstab für die Anzahl und Qualität ihrer Kontakte, die auf neue Kontakte weisen. Je häufiger ein Komponist kontaktiert wird, desto höher ist die Relevanz dieses Komponisten.

oder wissenschaftliche Aufsätze:

Die Relevanz wissenschaftlicher Aufsätze ist ein Maßstab für die Anzahl und Qualität von Zitaten, die auf neue Zitate verweisen. Je häufiger ein wissenschaftlicher Aufsatz zitiert wird, desto höher ist die wissenschaftliche Relevanz dieses Aufsatzes.

Natürlich, das ist alles nichts neues, das gabs schon immer. Autoren wie Baudrillard zeigen jedoch auf, dass im Zustand völliger Entfesselung (das ist, wenn qualitative Massstäbe leer geworden sind) Quantität widerstandslos in Qualität umschlägt. Das wäre die totale Herrschaft der Hitparaden, Einschaltquoten und Marktwirtschaft. Aber auch die totale Herrschaft des korrupten Gentleman.

Natürlich, langsam findet ein Umdenken statt. Krisen helfen heilen. Aber nicht wie der Neoliberalismus meint, ohne reflexives Zutun. Paradoxien sollen entfaltet werden.

Buchempfehlung

Isabelle Graw: Der grosse Preis

Isabelle Graw: Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur, 256 Seiten, DuMont Verlag 2008, Euro 19,90

Dadurch, dass sie einen Preis haben, unterscheiden sich Kunstwerke nicht von Dosenfischen – oder von Zahnbehandlungen. Zunächst könnte man darum die These von Isabelle Graw, Kunst und Markt seien miteinander verschränkt, ohne doch in eins zu fallen, trivial finden. Denn eben dies gilt auch für den gegenseitigen Bezug von Fisch und Markt oder professioneller Arbeit und Markt. Märkte konstituieren sich durch Konkurrenz um Zahlungen. An den Objekten, die solche Zahlungen auszulösen vermögen, interessieren dabei ökonomisch niemals alle ihrer Eigenschaften. Verglichen mit anderen Waren gehört manche Kunst, so gesehen, zum Luxussegment des Marktes für dauerhafte Konsumgüter und konkurriert dort beispielsweise mit Pferden, Booten, Möbeln und Schmuck. Dabei ist immer klar, dass man mit Booten anderes anstellen kann als mit Bildern.

Der grosse Preis

Caleb Larsen

Caleb Larsen hat 2008 einen schwarzen Plastikwürfel mit Internet-Verbindung gebaut und einem Script, der das Teil seit dem auf Ebay verkauft, sobald das Ding einen neuen Käufer fand, wird automatisch eine neue Auktion gestartet, die aktuelle Auktion steht bei nicht weniger als $4259.

Artwork Sells Itself on eBay

Wolfgang Ullrich

Marktkunst Über eine zeitgenössische Erscheinungsweise des Erhabenen

Auf kaum etwas ist im Kunstbetrieb besser Verlass als auf marktkritische Bemerkungen. Schon seit der Romantik ist es Standard, die Sorge zu formulieren, die Kunst könne durch kommerzielle Interessen, durch warenökonomische Mechanismen, durch den Pragmatismus einer Handelsbeziehung Schaden nehmen. So wird befürchtet, dass auf dem Markt nur Erfolg hat, was auch einer Mehrheit gefällt – was also konventionell und harmlos, vielleicht sogar trivial und kitschig ist, während das Neue, Ungewohnte – und daher zuerst Befremdende – nur wenig Resonanz findet. Kaufen die meisten denn nicht nur das, was sie schon kennen? Und ist der Markt damit nicht eine konservative Instanz, die der Weiterentwicklung der Kunst schadet? Die vor allem dem Anspruch zuwiderläuft, wonach sich Kunst durch Originalität – durch Distanz von bereits vorhandenen, etablierten Werken – auszuzeichnen hat? Ist der Markt also nicht der Gegner der Kunst?

Ganzer Text, Download: Wolfgang Ullrich – Marktkunst.pdf

Kunst im Netz: große Quantitäten.

Vortrag von Johannes Kreidler, gehalten 12.2.2011 bei der Veranstaltung “Der Kongress bloggt”, Kunsthaus Rhenania, Köln.